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Interview mit Andreas Preuß (Manager Borussia Düsseldorf): „Vielleicht wird die Politik diese einmalige Konstellation nutzen“

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Interview mit Andreas Preuß (Manager Borussia Düsseldorf): „Vielleicht wird die Politik diese einmalige Konstellation nutzen“

Interview mit Andreas Preuß (Manager Borussia Düsseldorf): „Vielleicht wird die Politik diese einmalige Konstellation nutzen“

Für Borussia Düsseldorf ist der Wechsel von Olympiasieger Fan Zhendong vom 1. FC Saarbrücken-TT zum Rekordmeister ein Coup gelungen. Im Interview spricht Manager Preuß über Reaktionen auf den spektakulären Transfer, über die Rolle von Düsseldorfs Idol und Botschafter Timo Boll bei dem Deal sowie Visionen für die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Superstar über sportliche Belange hinaus.

Andreas Preuß, Borussia Düsseldorf hat mit Ihnen als Manager Olympiasieger Fan Zhendong vom „ewigen“ Rivalen 1. FC Saarbrücken-TT in die NRW-Hauptstadt holen können. Wir haben Sie nach der Bekanntgabe des Mega-Transfers den anschließenden Rummel wahrgenommen?

Es war überwältigend und ist es auch immer noch. Abgesehen von vielen Anfragen aus dem Medienbereich haben wir unheimlich viele Rückmeldungen bekommen, darunter auch ganz viel Feedback aus China, auch noch einmal von Fan Zhendong selbst, der sehr glücklich ist, dass die Nachricht raus ist. In China waren die Reaktionen über Weibo und seine weiteren Kanäle selbst für Fans Verhältnisse überragend.

Wie sehen in einer solch nicht alltäglichen Situation positive Rückmeldungen aus?

Das ist völlig unterschiedlich. Beispielsweise waren Dang Qiu und ich zuletzt nach der Transfermitteilung wie schon in vergangenen Jahren auch zu einer Feier des chinesischen Neujahresfestes in einem Düsseldorf Hotel eingeladen. Normalerweise spielten wir da nie eine besondere Rolle, aber dieses Mal rief das Rathaus vorher an, ob der Oberbürgermeister wohl Fan Zhendong erwähnen könnte. Als wir dann da ankamen, waren da natürlich in erster Linie Chinesen, aber auch Politiker, Staatssekretäre, Botschafter, Konsuln, und gefühlt jeder hielt eine Rede, und in jeder Rede tauchten Fan Zhendong und Borussia Düsseldorf auf. Wir haben im Laufe des Empfangs auch den chinesischen Botschafter kennenlernen können, was ich als sehr wertvoll erachte.

Warum?

Weil sich dieser Kontakt multiplizieren wird, denn es ist großes Interesse vorhanden. Wir haben allein in Düsseldorf eine riesige chinesische Community mit 8000 Menschen aus China und fast 800 chinesische Firmen. Ich habe jetzt erst gelernt, dass Düsseldorf der Mittelpunkt für chinesische Firmen in ganz Europa ist.

Sind denn auch Borussias Social-Media-Accounts schon explodiert?

Wir pflegen bereits seit längerer Zeit Accounts auf den chinesischen Plattformen Weibo, Xiaohongshu und Douyin – überall gab es nachhaltige Reaktionen. Wir haben aber seit Fan Zhendongs Entscheidung nicht nur im Social-Media-Bereich sehr viel zu tun bekommen.

Als da wäre?

Wir müssen im Augenblick sehr viele Themenbereiche sondieren. Dazu gehören Fragen nach einer größeren Alternative für das eine oder andere Heimspiel, nach Möglichkeiten der Einbindung bisheriger und potenzieller Partner, nach der Organisation des Ticketings, nach Merchandising allgemein und unseren Fan-Trikots im Besonderen. Manches ist eben in der Kürze der Zeit noch nicht final geklärt. Was wir nicht vergessen: Wir vermarkten ja nun nicht nur Fan Zhendong, er ist Teil unserer Mannschaft, und wir vermarkten unsere Mannschaft.

Eine Sonderrolle dürfte Fan in Ihren Vermarktungsplänen und darüber hinaus gehenden Strategie-Überlegungen aber auch spielen, oder?

Wir müssen mit ihm überlegen, was er macht und was wir - unter Berücksichtigung seiner persönlichen Vermarktungsrechte - zusammen machen können. Unbedingt wollen wir ihn mitnehmen und gut und fair mit ihm umgehen. Wir haben deswegen kein Interesse an Partnern, die an Fan herumzerren und für kleines Geld eine maximal mögliche Medienwirkung erzielen wollen. Aber dass wir etwas mit ihm zusammen machen – ja, ich denke, das muss schon so sein.

Was macht solche Gespräche aus?

Wir müssen, ähnlich ist es Saarbrücken im vorigen Sommer ja auch ergangen, in sehr kurzer Zeit sehr viel lernen. Wir haben es mit anderen Menschen zu tun, mit ganz neuen Erfahrungen, mit anderen Größenordnungen, mit einer anderen Kultur.

Was ist das Wichtigste an diesem Lernprozess?     

Am Ende dreht sich – natürlich – vieles um Fan. Aber wir sind auch weiter ein Verein, es gab uns vor Fan Zhendong und es wird uns nach Fan Zhendong geben. Fan weiß, dass wir noch andere Spieler haben und, so toll es ist, dass er bei uns wird, nicht der FC Fan Zhendong sein werden. Aber das ist gar nicht etwas, was er möchte. Fan möchte Teil einer Mannschaft, Teil unserer Borussia-Familie und nicht nur als Einzelsportler gehypt werden. Das alles zusammen muss in eine vernünftige Balance gebracht werden, auch wenn es momentan schön ist, dass gerade dieser Hype und bei ganz vielen schon eine sehr große Vorfreude gewachsen sind.

Wie würden Sie die künftige Konstellation beschreiben?

Es entsteht wirklich eine Symbiose. Diese Neugier genau darauf bekommen wir von ganz vielen Seiten gespiegelt – von Fans, von Medien, von Partnern, von der Politik, aber auch vom Leiter der Chinesischen Schule in Düsseldorf: Alle sagen, das ist etwas ganz Großes, auch für Fan.

Macht der Fan-Faktor die Borussia womöglich endgültig zu einem globalen Klub?

Global waren wir, in meinen Augen, auch schon vorher ein wenig. Aber natürlich werden wir nochmal etwas globaler, denn die große chinesische Community existiert außer in Deutschland buchstäblich überall in Europa und über die ganze übrige Welt verteilt. Überall sind das sind bei weitem nicht nur Touristen mit einem Fotoapparat, sondern dauerhaft in anderen Ländern lebende Chinesen mit großem Interesse an Tischtennis und Fan Zhendong. Dadurch strahlen wir nun internationaler, dadurch interessieren wir praktisch auf der ganzen Welt, dadurch sind wir schon globaler geworden.

Bei der Bekanntgabe von Fans Verpflichtung sprachen Sie bereits neue Vermarktungsmöglichkeiten an. Was stellen Sie sich genau vor?

Es soll und wird sicherlich in beide Richtungen gehen. Wir haben schon mit aktuellen Partnern und anderen Firmen mit Sitz in Deutschland gesprochen, die in China Wirkung erzielen wollen. Umgekehrt gibt es etwa einen Solarplattenhersteller in Shanghai, der seine Produkte in Deutschland verkaufen will.

Wird Borussias „Wohnzimmer“ in der angestammten Halle künftig bei dem zu erwartenden Zuschaueransturm wegen Fan weiterhin ausreichen oder werden Sie sich einen „Zweitwohnsitz“ suchen?

Wir erwägen momentan, unser erstes Heimspiel in eine größere Halle in Düsseldorf zu verlegen. Um dem Zuschauerstrom gerecht werden zu können, werden wir auch noch einige andere Spiele in einer anderen Halle austragen müssen. Das wird aber in einem möglichst ausgewogenen Verhältnis zu unseren echten Heimspielen im ARAG Center Court geplant.

Steht denn schon fest, wie oft Fan Zhendong für Düsseldorf spielen wird?

Voraussichtlich mehr als zehn Spiele, es könnte ein ähnlicher Umfang wie momentan in Saarbrücken sein. Fan wird aufgrund seiner weiteren weltweiten Verpflichtungen aber selbst wählen, in welchen Spielen er antritt.

Was wird es für die Borussia und ihre Attraktivität auf andere Spieler generell bedeuten, dass der Olympiasieger und für viele beste Spieler der Welt in Düsseldorf spielt?

Unsere Spieler haben hocherfreut auf Fans Wechsel zu uns reagiert. Sie glauben, dass Fan eine Inspiration für sie sein wird, dass sie von ihm profitieren können und in gemeinsamen Spielen stärker sein werden. Wir glauben aber auch, dass wir durch den Sog eines solchen Superstars auch als Verein sehr attraktiv für andere, junge Spieler sein werden – während Timo Bolls langer Zeit in unserer Mannschaft sind ja auch viele Leute neben ihm gewachsen.

Was bedeutet der Deal für die Liga insgesamt?

Zunächst entsteht allein schon in unserem nahen Umfeld ein enormes Potenzial für eine Erweiterung unserer Fanbasis. Bei den großen Events der TTBL wird, wenn wir uns dafür qualifizieren, ebenfalls ein großes Publikum angesprochen werden. Die Liga profitiert auch von den Übertragungen in China mit hohen Quoten im Internet oder auch in den USA, die voraussichtlich fortgesetzt werden. Es werden die Vereine profitieren, bei denen wir mit unserem besten Team spielen werden. Die gesamte Liga strahlt bis nach China aus, das ist sehr positiv. Wir werden noch mehr in den Austausch mit China kommen, was auch positiv ist. Durch Fan Zhendong interessiert in China beinahe alles, was in der TTBL passiert und was mit ihr zu tun hat.

Ihre Borussia, Saarbrücken und Fan Zhendong selbst erwähnten in den Vereinsmitteilungen Timo Boll und seine  bekannte Freundschaft zu Fan als einen wichtigen Faktor für den Transfer. Wie viel Boll steckt in dem Wechsel?

Ich glaube, dass der Anteil sehr hoch ist. Zwischenzeitlich hätte ich auf eine Größenordnung um die 50 Prozent getippt, vielleicht sind es aber auch 60 oder nur 30 Prozent.

Was macht die Schwankungen aus?

Ich hatte schon sehr früh das Gefühl, dass Fan grundsätzlich zur Borussia wollte, dass von Düsseldorf als Stadt begeistert ist, und dass er bei uns eine neue Herausforderung findet und darüber hinaus eine gewachsene Infrastruktur und ein funktionierendes Netzwerk. Er wusste und weiß genau, was bei Borussia und in Düsseldorf passiert. Aber dann ist da natürlich diese persönliche Nähe zwischen Timo und Fan – dadurch halte ich 50 Prozent für realistisch.

Wird Boll durch das Engagement seines Freundes bei Borussia eine höhere Präsenz in Düsseldorf als Vereinsbotschafter als ursprünglich angedacht?

Ja – allein durch ihre freundschaftliche Verbundenheit. Aber es bieten sich in diesem Zusammenhang auch neue Vermarktungsmöglichkeiten.

Lässt sich das konkreter erläutern?

Timo ist Borussia Düsseldorf, Timo ist aber auch Timo Boll. Fan Zhendong ist Fan Zhendong, aber bald ist Fan Zhendong auch Borussia Düsseldorf. So wie Fan Zhendong außerdem das Gesicht des chinesischen Tischtennis ist, ist Timo das Gesicht des deutschen Tischtennis. In diesem Kraftfeld bestehen sicher Potenziale, von denen beide und vielleicht auch noch wir profitieren können – und vielleicht noch mehr Menschen und Bereiche.

Was meinen Sie damit genau?

Dass sich über den Sport hinaus behutsam etwas entwickeln lassen könnte in der Politik, mit der Wirtschaft. Im übertragenen Sinne sind die Austausche auf diesen Ebenen gelebte Beispiele auch für Ping-Pong, und vielleicht spielen dann vielleicht passenderweise auch einmal Boll, Fan Zhendong und Borussia Düsseldorf auch mit beim Ping und Pong. Ping-Pong hat schon vor langer Zeit viel möglich gemacht – wirtschaftlich, politisch, kulturell und sozial, und jeder Austausch ist ja gut. Vielleicht wird die Politik diese neue und einmalige Konstellation – die Freundschaft der besten Tischtennis-Spieler beider Länder bei einem in Deutschland und China gleichermaßen populären Verein – erkennen und nutzen für die Pflege der gegenseitigen Beziehungen. Die Schaffung von Möglichkeiten zum Austausch ist der Hebel.

Von einer ambitionierten Vision zu Ambitionen am Tisch: Ist für Borussia das Triple ab der kommenden Saison Pflicht?

Gefühlt ist das Triple in Düsseldorf immer Pflicht: Für uns und auch mich war zunächst aber erst einmal wichtig, dass zum ersten Mal ein Olympiasieger für Borussia spielt. Der Rest muss sich ergeben. Wenn ich mir außerdem die künftigen Champions-League-Kader von Saarbrücken mit Truls Möregardh, Hugo Calderano und Patrick Franziska oder von Montpellier mit den Lebrun-Brüdern anschaue – gegen diese Teams kann jede andere Mannschaft verlieren, auch eine Borussia mit Fan Zhendong.

Aber Sie haben Fan doch nicht nur für die Belebung der Konkurrenz im Tischtennis unter Vertrag genommen…

Die Wirkung von Titeln ist eine Sache, in der heutigen Zeit sind Publicity, Austausch, Vermarktung und mediale Wirkung eine andere. Deswegen bin ich schon der Meinung, dass wir durch die Verpflichtung von Fan Zhendong ab Sommer wieder Europas Tischtennis-Hauptstadt sein werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Andreas Preuß.

Florian Manzke

TTBL Redaktion
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27.03.2026

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