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Interview mit Nicolas Barrois (Teammanager 1. FC Saarbrücken-TT): „Die Zeit mit Fan hat uns als Verein total viel gebracht“

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Interview mit Nicolas Barrois (Teammanager 1. FC Saarbrücken-TT): „Die Zeit mit Fan hat uns als Verein total viel gebracht“

Interview mit Nicolas Barrois (Teammanager 1. FC Saarbrücken-TT): „Die Zeit mit Fan hat uns als Verein total viel gebracht“

Der 1. FC Saarbrücken-TT muss am Saisonende seinen Superstar Fan Zhendong zum Ligakonkurrenten Borussia Düsseldorf ziehen lassen. Im Interview spricht FCS-Teammanager Nicolas Barrois über die Sicht der Saarländer auf den Transfer, die Erkenntnisse des Klubs aus einer aufregenden Saison und neue Ziele für die Zukunft.

Nicolas Barrois, im Fußball werden Bemühungen eines Vereins um den Verbleib eines Spielers nicht selten auch als Kampf bezeichnet. Haben der 1. FC Saarbrücken-TT und Sie durch den Wechsel von Fan Zhendong zu Borussia Düsseldorf auch einen Kampf verloren?

Natürlich haben wir um seinen Verbleib gekämpft. Auf der anderen Seite ist es ja ganz anders als im Fußball: Es war kein Hauen und Stechen und auch kein Tauziehen, sondern die Vereine haben gesagt, was sie bieten, was sie sich vorstellen und Konzepte vorgelegt. Ich glaube, im Endeffekt haben wir nicht den Kampf verloren, sondern die Strahlkraft der vergangenen Jahrzehnte von Borussia Düsseldorf, beziehungsweise von Timo Boll, haben den Ausschlag gegeben. Ich glaube auch einfach, dass, so wie es auch kommuniziert worden ist, dass Fan Zhendong in Europa noch mehr sehen und noch andere Erfahrungen machen möchte.

Mitte Februar hatten Sie in einem Update zu den Saarbrücker Gesprächen mit Fan von einem „sehr guten Angebot" für Ihren Superstar gesprochen. Warum war aus Ihrer Sicht das Angebot - über touristische Unterschiede zwischen Saarbrücken und Düsseldorf hinaus - für Fan nicht gut genug für eine Fortsetzung seiner Laufbahn in Saarbrücken?

Ich glaube nicht, dass unser Angebot nicht gut genug war. Ich denke eigentlich mehr, dass Timo eine große Rolle gespielt hat in dem ganzen Prozess durch seine Strahlkraft und sein Verhältnis zu Fan Zhendong, das vielleicht dann auch so besonders ist, dass Fan auch erleben möchte, in Düsseldorf zu spielen. Wir haben ja selbst immer gesagt, dass Düsseldorf über Jahre hinweg das führende Team in Europa gewesen ist. Wir haben zwar seit einigen etwas dagegengewirkt und den einen oder anderen Titel erkämpfen können, aber letztlich ist Düsseldorf immer noch eine Macht im Tischtennis.

In Interviews haben Sie hinsichtlich Fans Zukunft schon seit Ende vorigen Jahres immer beide Möglichkeiten - Fan bleibt oder Fan geht - thematisiert. Hatten Sie auch auf dem Radar, dass „gehen" auch einen Wechsel innerhalb der TTBL bedeuten könnte?

Ja, natürlich war uns auch klar, dass Fan nicht zurück nach China gehen muss, sondern auch in Europa oder sogar in Deutschland wechseln könnte. Er war da auch ganz offen und hat uns klar gesagt, dass er mehrere Angebote hat. Dass es jetzt zum direkten Konkurrenten geht, ist vielleicht nicht ganz so glücklich, aber da sind wir professionell genug, das zu akzeptieren. Wir machen dem Spieler da auch keine Vorwürfe.

Ihre Aussagen klangen stets dahingehend, dass Sie Fans Abschied zum Saisonende trotz Saarbrückens immensen Aufwands in den vergangenen Monaten klaglos akzeptieren würden. Schmerzt sein Wechsel ausgerechnet zu Saarbrückens wohl größtem Rivalen auf deutscher wie europäischer Bühne aber nicht doch zumindest etwas mehr als etwa eine ja auch vorstellbar gewesene Heimkehr nach China?

Also wenn ein Spieler uns verlässt, den wir eigentlich halten wollten, schmerzt das natürlich immer. Entsprechend tut uns Fans Wechsel zu einem direkten Konkurrenten in Champions League und Bundesliga natürlich weh - gerade auch bei einem Spieler seiner Güteklasse. Aber wir konzentrieren uns jetzt auch auf die anstehenden Aufgaben, trauern nichts nach und empfinden auch überhaupt kein Neid. Wir konzentrieren uns jetzt auf diese Saison, und danach wird man in der nächsten Saison sehen, dass man versucht, seinem neuen Verein und ihm - bei aller Sympathie und bei aller Freundschaft, die man jetzt aufgebaut hat in einem Jahr - so gut es geht, das Leben schwer zu machen.

Was war denn Ihr erster Gedanke bei der Nachricht von seinem Wechsel nach Düsseldorf?

Der erste Gedanke war natürlich Enttäuschung. Enttäuschung, dass man ihn verliert, dass man auch den Menschen Fan Zhendong verliert, den man liebgewonnen hat, der sich auch gut aufgenommen gefühlt hat. Ich muss aber auch sagen, dass es gleich danach schon wieder darum ging, wie es jetzt weiter geht. Es ist ja im Profisport sehr schnelllebig, und auch im Tischtennis geht es mittlerweile sehr, sehr schnell zu. Bei zwölf Mannschaften hat gefühlt jeder Spieler schon mal irgendwo bei einem Konkurrenten gespielt.

Wie haben Fans Mitspieler in Ihrer Mannschaft auf die Mitteilung seines Abschieds reagiert? Und wie nahm Ihr künftiger Topspieler Hugo Calderano die News auf?

Es ist natürlich keine angenehme Nachricht für unsere Jungs. Wir haben einen Riesenumbruch. Wir hatten die Spieler natürlich auch vorab informiert, dass Fan noch nicht wieder unterschrieben hatte. Es ist damit auch keiner davon ausgegangen, dass Fan sicher bleibt. Das hat ein bisschen auch die Erwartungen gedämpft bei den Jungs, denn es war klar, dass es sein könnte, dass Fan nächstes Jahr nicht mehr bei uns spielt. Als die Entscheidung gefallen war, herrschte auch keine große Enttäuschung, keine Wut und auch keine Verärgerung. Alle gaben sich eher entschlossen, dass wir kämpferisch in die nächste Saison gehen – selbst wenn wir dann die Underdogs sind.

Durch Fans Wechsel bekommen sowohl Saarbrückens Final4 -Heimspiel Mitte Mai in der Champions League als auch möglicherweise das Final4 der TTBL zwei Wochen später eine pikante Note, weil Ihre Mannschaft mit Fan beide Male auf Fans künftigen Klub Düsseldorf treffen könnte. Würden Sie in diesen Situationen in Fans Haut stecken wollen?

Natürlich ist das eine besondere Situation. Aber ich glaube auch, dass dieses erste Jahr in Deutschland für Fan Zhendong so etwas ganz, ganz Besonderes und er auch Profi genug ist, um das abzuschütteln und seine Leistung trotzdem bringen zu wollen. Wir haben noch Großes vor und wollen das gemeinsam mit ihm erreichen, um ihm seine erste Saison auch zu etwas ganz, ganz Besonderem zu machen und ihm den Abschied zu bereiten, den wir alle zusammen verdienen nach dem Aufwand, den wir in dieser Saison hatten. Deswegen bin ich da positiv, dass es da keine besonderen Auswirkungen gibt, egal gegen wen wir spielen sollten.

Bedeutet Fans Transfer vor der Crunch Time der Saison aber nicht auch Unruhe zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt?

Nein, denn wir wussten es ja schon ein paar Wochen. Dadurch konnten wir uns darauf vorbereiten, die Spieler konnten das Ganze ein bisschen verarbeiten. Vor Finalspielen ist dann außerdem der Fokus eh komplett auf das Sportliche gerichtet und spielen Nebengeräusche keine Rolle.

Nach der Bundesliga-Endrunde ist die „Ära Fan Zhendong" für Saarbrücken schon wieder zu Ende. Was sind Saarbrückens wertvollste Erfahrungen als Klub und auch als Mannschaft aus dieser anspruchsvollen Zeit?

Wir haben etwas geschafft, was nicht viele Vereine in Deutschland und Europa schaffen würden: Wir haben einen solchen Ausnahmespieler bei uns integriert, haben es geschafft, ihm ein sicheres und auch professionelles Umfeld zu bieten. Wir haben alles dafür getan. Wir haben mit unseren Helfern alles auf die Beine gestellt. Ohne Angestellte, ohne ein Riesenteam, sondern alles mit Volunteers. Dafür bedanken wir uns auch bei allen, die das ganze Jahr wirklich Schwerstarbeit geleistet haben. Wir nehmen auch mit, was wir können, was wir gemacht haben mit zwei, drei, vier Events mit 2000 bis gut 3500 Zuschauern, das hat total Spaß gemacht. Es war aber auch anspruchsvoll, und entsprechend nehmen wir auch da unglaublich viel mit – sehr viel Positives und was man alles erreichen kann, wenn man zusammenhält. Das ist ein sehr, sehr positiver Aspekt aus dieser Geschichte: Wir sind ein Verein, der alles stemmen kann.

Inwiefern hat auch die TTBL vom „Fan-Effekt" profitieren können?

Ich glaube, dass nicht nur die TTBL, sondern ganz Tischtennis-Deutschland davon profitiert hat. Wir haben sehr, sehr viel Arbeit geleistet dafür, dass der Tischtennissport wieder richtig in aller Munde ist. Wenn man sich die Newsberichte ansieht in ganz Europa, auf der ganzen Welt - das war schon toll. Die Reichweiten haben bisher in dieser Saison Rekordhöhen erreicht, und die heißen Spiele sind noch nicht einmal gelaufen. Deswegen glaube ich, dass wir alle zusammen, auch die Vereine der TTBL, wo er dann gespielt hat, da was Gutes gemacht haben. Überall war Rekordkulisse. Es hat total viel Spaß gemacht, und ich glaube, es hat ihm auch total viel Spaß gemacht.

Würden Sie das „Projekt Fan Zhendong" noch einmal durchziehen oder nicht? Und warum?

Das würden auf jeden Fall noch einmal durchziehen wollen – sonst hätten wir ihn ja auch nicht halten wollen. Insgesamt hat uns die Zeit mit Fan Zhendong als Verein total viel gebracht, wir sind gewachsen, wir haben auch professionellere Strukturen geschaffen, wir haben viel dazugelernt. Wir haben teilweise auch Lehrgeld bezahlt, aber trotzdem würden wir das jederzeit nochmal machen. Es hat total viel Spaß gemacht, und wir hatten eigentlich die Hoffnung, dass wir mit Hugo und ihm gemeinsam nochmal einen draufsetzen können. So ist es jetzt leider nicht gekommen, aber wenn sich in der Zukunft die Möglichkeit bietet, einen Top-Spieler, einen Top-Chinesen zu verpflichten, dann würden wir darüber mit Sicherheit nachdenken.

Fan ist Saarbrückens insgesamt vierter Abgang zum Saisonende nach Darko Jorgic, Cedric Meissner und Yuto Muramatsu. Nachdem Saarbrücken jahrelang geradezu ein Musterbeispiel für Kontinuität gewesen ist: Wird der FCS im Zuge dieses ungewohnt umfangreichen Umbruchs nun ein Verein wie viele andere?

Uns ist bewusst, dass ein absoluter Umbruch eintritt. Wir haben jahrelang für Kontinuität gestanden. Das wird für uns sehr ungewohnt sein. Wir hoffen, dass die Fans das Mittragen. Wir hoffen, dass wir uns als Mannschaft finden. Wir haben meiner Meinung nach eine gute Auswahl von Spielern, die sich alle gut kennen, die eine Mischung sind aus Erfahrung und jugendlicher Leichtigkeit. Sie werden sich gut verstehen, und ich glaube, dass wir auch weiterhin eine gute Rolle spielen werden bei der Vergabe von Titeln.

Bei der Bekanntgabe von Fans Abschied kündigten Sie Gespräche über die strategische Ausrichtung der Mannschaft an. Welche Optionen lagen oder liegen dabei generell auf dem Tisch?

Es gibt natürlich mehrere Aspekte, die wir jetzt bedenken. Verpflichtet man noch einen Spieler oder gibt man jungen Spielern mehr Chancen. Vielleicht passiert ja noch etwas, vielleicht nicht. Voriges Jahr war unsere Kaderplanung abgeschlossen, da kam irgendwann diese Möglichkeit, Fan Zhendong zu verpflichten. Das heißt, man sollte niemals nie sagen, im Sport geht es alles so schnell, also selbst wenn eine Kaderplanung abgeschlossen ist, sollte man einem Fan Zhendong nicht absagen. Diesen Fehler haben wir glücklicherweise nicht gemacht und haben sehr, sehr viel Positives daraus mitgenommen. Wenn am 31. Mai wieder ein Topspieler kommt, dann werden wir ihm nicht absagen, auch wenn wahrscheinlich eine Vertragsverhandlung gar nicht mehr möglich ist. Grundsätzlich sind wir aber auch mit der Mannschaft, die wir jetzt zusammengestellt haben, sehr, sehr zufrieden.

Sie haben eine neue Mannschaft schon alleine mit Calderano und Patrick Franziska als wettbewerbsfähig beschrieben. Können denn beide angesichts des überbordenden Terminkalenders auf internationaler Ebene noch oft genug für Titelambitionen zur Verfügung stehen?

Natürlich ist WTT eine Belastung für die Spieler, das sind viele Termine. Aber generell würde ich sagen, dass unsere Mannschaft auch mit Alvaro Robles und Eddy Ionescu extrem wettbewerbsfähig ist. Das sind beide Spieler, die jetzt schon mehrere Jahre in der Bundesliga spielen oder gespielt haben, und international auch immer wieder für gute Ergebnisse sorgen, und hinten haben wir außerdem auch noch zwei junge Spieler. Da wird schon genug Stabilität da sein, um in allen Wettbewerben konkurrenzfähig zu sein. Gerade in den Wettbewerben, in denen der Weg in ein Finale nicht so weit ist, wollen wir natürlich uns sehr, sehr gut präsentieren.

Lassen sich zum jetzigen Zeitpunkt schon Ziele für die neue Saison abstecken?

Unser ganz klares Ziel ist es, in der Champions League und im Pokal möglichst weit zu kommen, den oder die Favoriten in irgendeiner Art und Weise zu ärgern. In der Bundesliga wollen wir den jungen Spielern die Chance geben, sich zu zeigen. Wenn das so funktioniert wie in dieser Saison in Ochsenhausen und ein Spieler mal einschlägt, dann ist man auch ganz schnell mit dabei im Kampf um das Final4. Mit Hugo und „Franz“ haben wir natürlich auch zwei absolute Leistungsträger, die in diesen Spielen den Unterschied machen können. Also insgesamt wollen wir schon in allen drei Wettbewerben wieder um die Titel mitspielen. Wie das in einer 22 Spieltage langen Bundesliga aussieht, muss man abwarten.

Vielen Dank für das Gespräch, Nicolas Barrois.

Florian Manzke

TTBL Redaktion
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23.03.2026

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